"Bei uns geht kein Schüler ohne Abschluss"

Von Stephan Johnen (Quelle: Dürener Zeitung, 20. Mai 2011)

Kleinhau. Der Blick auf die Zahlen zeigt, dass bei der Hauptschule der  Höhengemeinde die Luft noch nicht dünn wird: 19 Anmeldungen liegen vor, ein Schüler kommt noch vom Franziskus-Internat, auch aus Simmerath und Monschau gibt es weitere Interessenten. „Wir sind eine funktionierende Schule“, sagt Ursula Mertens, Direktorin der Gemeinschaftshauptschule Hürtgenwald in Kleinhau. Doch die Entwicklungen in anderen Gemeinden verfolgt die Direktorin aufmerksam – und zum Teil mit Sorge. Im Interview mit der DZ stellt Ursula Mertens klar, warum Hauptschulen entgegen der weitläufigen Meinung keine Sackgassen und Einbahnstraßen sein müssen. Sie spricht über die Vorteile der Schulform – und blendet dabei nicht die Probleme aus.

Frau Mertens, wie steht es um den Ruf der Hauptschule im Allgemeinen?

Mertens: Ich hatte hier Eltern sitzen, die mir erzählt haben, wie schrecklich es ist, dass ihr Kind auf die Hauptschule muss.  Auch die Schüler selbst spüren teilweise den Druck von außen. Glauben Sie mir, das tut mir in der Seele weh. Wir Lehrer machen uns nichts vor: Das Bild im Allgemeinen ist negativ.  Dennoch zweifle ich nicht an der Schulform. Und auch das Kollegium ist hochmotiviert.

Woher nehmen Sie die Kraft?

Mertens: Indem wir vor Ort  eine  Hauptschule erleben und mitgestalten, die in den politischen Debatten  und in den Medien so kaum dargestellt wird. Das geht auch Kollegen an anderen Schulen so. Wir erleben, dass die eben beschriebenen Eltern nach einem halben Jahr dankbar sind, weil ihre Kinder etwas lernen, weil sie wieder gerne zur Schule gehen. Wir erleben Kinder, die vom Gymnasium zu uns kommen und am Ende ihrer Zeit bei uns wieder auf das Gymnasium wechseln. Wir erleben Heranwachsende, die bei uns ihre Persönlichkeit entwickeln. Wir unterrichten Kinder, die manchmal etwas mehr Zeit brauchen, aber zielstrebig auf ihren Abschluss hinarbeiten. Bei uns geht auch kein Schüler ohne Abschluss. Das ist in meinen 31 Dienstjahren noch nicht passiert.

Was sind aus Ihrer Sicht Vorteile einer Hauptschule?

Mertens: Gerade als kleine Schule im ländlichen Raum ist der Umgang mit den Schülern und Eltern sehr persönlich. Wenn die Wege kurz sind, hat das auch einen erzieherischen Aspekt. Wir kennen die Kinder, wir kennen die Eltern.

Sie meinen soziale Kontrolle?

Mertens: Wir haben ein gutes Eltern-Schule-Verhältnis. So möchte ich das formulieren. Und es hilft der Schule, wenn Eltern sich einbringen.

Was kann die Hauptschule leisten?

Mertens: Ein großer Pluspunkt ist unsere sehr praxisorientierte Berufswahlorientierung. An diesem Punkt arbeiten wir schon seit Jahren – und mittlerweile übernehmen andere Schulformen die Konzepte. Die Schule ist Partnerschaften eingegangen, wir veranstalten eine Art Berufsmesse. Die Schüler und Eltern regeln zum Glück vieles selbst. Aber als Schule helfen wir manchmal bei der Motivation etwas nach. Wenn ein Schüler die Schule verlässt, möchte ich wissen, was er macht und ob er versorgt ist.

Öffnet ein Hauptschulabschluss denn überhaupt noch Türen?

Mertens: Uns ist es wichtig ist, dass potenzielle Arbeitgeber die Schüler auch als Persönlichkeiten kennenlernen. Ein guter Abschluss ist zudem niemals wertlos. Und die Lernstandserhebung beweist, dass sich die Abschlüsse sehen lassen können. An unserer Schule klappt auch der Wechsel beispielsweise an die Realschule sehr gut. Es mag helfen, dass die Lehrerzimmer nur wenige Meter auseinander liegen.

Die erste Wahl von Eltern dürfte dennoch nicht die Hauptschule sein, oder?

Mertens: Es gibt Eltern, die sich bewusst für diese Schulform entscheiden. Das sind sogar 50 Prozent. Über den Ruf hatten wir schon geredet, die Schulform wurde in den vergangenen Jahren kaputtgeredet. Ich sage Ihnen aber auch, dass Eltern ihren Kindern  keinen Gefallen tun, wenn sie sie um jeden Preis beispielsweise an einem Gymnasium anmelden. Ich bin auch in diesem Jahr auf die Rückläufe gespannt.

Ich unterstelle einmal, dass Eltern  nur das Beste für ihre Kinder wollen – und jeder Rückläufer sichert Ihre Schule.

Mertens: Dieser Denkansatz ist falsch. Für das Selbstwertgefühl eines jungen Menschen ist es eine schmerzhafte Erfahrung, permanent schlechte Noten zu haben und die geforderten Leistungen nicht erbringen zu können. Wir erleben es immer wieder, dass die Kinder beinahe erleichtert sind, wenn sie zu uns kommen. Für mich ist es wichtig, dass wir leistungsverletzte Kinder wieder motivieren. Ihnen stehen alle Wege weiterhin offen. Ich freue mich nicht darüber, dass Kinder erleben müssen, dass sie an einer anderen Schule scheitern. Ich empfehle daher  allen Eltern, sich genau mit der Hauptschule vor Ort auseinanderzusetzen und sich selbst ein Bild von der Arbeit zu machen.

Wie stehen Sie zur Gemeinschaftsschule?

Mertens: Ich habe damit keine Erfahrung. Wenn um uns herum lauter Gemeinschaftsschulen entstehen, weiß ich nicht, wie es mit uns weitergeht. Ich hoffe aber, dass alle guten Aspekte der alten Hauptschule weiterleben. Und dass die einzelnen Kinder an großen Schulen nicht untergehen. Ich würde mich freuen, noch viele Jahre an der Hauptschule unterrichten zu dürfen. Sie ist deutlich besser als ihr Ruf.

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